Im Erdgeschoss der Augustinerstraße 12, wenige Schritte von der Hofburg entfernt, liegen heute ein Souvenirladen und eine Pizzeria. Um 1600 gehörte das Renaissancehaus Elisabeth Báthory, die als „Blutgräfin“ in die Geschichte eingegangen ist – und damit beginnt das gruselige Wien, das man auf keiner Postkarte findet. Almut Irmscher hat es bei einer Stadtführung mit dem Titel „Mörder, Hexen, Henker“ erkundet: vorbei am Haus des Wiener Henkers, entlang des letzten Wegs der Verurteilten, bis vor diese verwitterte, blassgelbe Fassade.
Die Blutgräfin in der Wiener Augustinerstraße
Elisabeth Báthory kam 1560 als Tochter eines ungarischen Adeligen zur Welt, ihre Mutter war die Schwester des polnischen Königs. Mit 14 Jahren heiratete sie den Grafen Franz Nádasdy, den die Osmanen wegen seiner Grausamkeit „den schwarzen Ritter“ nannten. Während er von Schlacht zu Schlacht zog, lebte sie meist allein auf Burg Schächtitz, rund 120 Kilometer östlich von Wien in der heutigen Slowakei. Nach seinem Tod erbte sie Burgen und Ländereien von Transsilvanien bis Österreich – für eine Frau ihrer Zeit ein ungewöhnliches Maß an Reichtum und Macht.
Dann begannen die Gerüchte. Junge Frauen, die in ihren Diensten gestanden hatten, verschwanden spurlos, auf dem Land wie in Wien. Nachbarn in der Augustinerstraße wollen Schreie aus dem Haus gehört und Steine gegen die Fenster geworfen haben. Im Stadtgraben fand man Leichen ohne Blut, und bald erzählte man sich in den Gassen, in Wien gingen Vampire um. Die Legende, die daraus wurde, ist bekannt: Die Gräfin habe im Blut junger Mädchen gebadet, um ihre Schönheit zu bewahren.
Zum Eklat kam es, als die Sängerin Helene Harczy verschwand. Sie stammte aus dem niederen ungarischen Adel, und man hatte sie zuletzt im Haus in der Augustinerstraße 12 ein- und ausgehen sehen. Diesmal ließ sich die Sache nicht übergehen.
650 Opfer – oder eine Intrige?
Wien abseits der Postkarte
Almut Irmscher erzählt von Kaffeehäusern und Kaiserinnen, von Schauergeschichten und dunklen Kapiteln der Hofburg – mit knapp 20 Rezepten aus der Wiener Küche.
Der ungarische König ließ Burg Schächtitz stürmen, wohin sich die Gräfin zurückgezogen hatte. 650 Namen soll sie selbst in einem Verzeichnis notiert haben. Im Prozess wurden 54 Zeugen gehört, und am Ende schwankte die Zahl der Opfer zwischen 36, 80 und 175 – genau wusste es niemand. Ihre Dienerschaft wurde verurteilt und hingerichtet, mehrere Geständnisse kamen unter der Folter zustande.
Elisabeth Báthory selbst kam im Prozess nie zu Wort. Für eine Dame ihres Standes verboten sich Verhör und Folter, sie erhielt lebenslangen Hausarrest auf ihrer Burg. Dass man sie dort lebendig eingemauert habe, gehört zu den Legenden; tatsächlich starb sie im August 1614, vier Jahre nach ihrer Festsetzung.
Almut Irmscher lässt die Geschichte im Wien-Lesebuch bewusst offen. Eine reiche, mächtige Witwe, deren Familie seit Langem mit den Habsburgern im Streit lag, war ein bequemes Ziel. Kurz darauf starben auch die letzten männlichen Erben des Hauses Báthory, einer davon ermordet. Andererseits ist der Prozess urkundlich belegt – und so viel Aufwand hätte es kaum gebraucht, nur um eine unbequeme Frau loszuwerden. Übrig geblieben sind die Ruine von Schächtitz und das Haus in der Augustinerstraße.
Elsa Plainacher, die einzige Hexe, die Wien verbrannte
Weniger bekannt und trauriger ist die Geschichte der Elsa Plainacher. Sie war Bäuerin in Niederösterreich und versprach ihrer sterbenden Tochter, sich um deren neugeborenes Mädchen Anna zu kümmern. Der Schwiegersohn Georg wehrte sich dagegen. Als Annas ältere Geschwister starben und das Mädchen an Epilepsie erkrankte, die man damals für ein Werk des Teufels hielt, zeigte er die Großmutter wegen Hexerei an. Dass Elsa zum Protestantismus übergetreten war, machte den Fall für den Wiener Bischof zur Chefsache.
Ärzte und Pfarrer erklärten die alte Frau für verwirrt und hielten sie für einen Fall fürs Spital. Doch ein Jesuitenprediger hetzte vor dem Stephansdom gegen die Hexerei, und die aufgebrachte Menge verlangte die Folter. Nach dem dritten Verhör gestand Elsa Plainacher, was man hören wollte. Am 27. September 1583 wurde sie auf der Gänseweide verbrannt, dem heutigen Gelände an der Weißgerberlände im 3. Bezirk. In ganz Europa forderte der Hexenwahn 40.000 bis 60.000 Todesopfer; in Wien blieb sie die einzige Frau, die als Hexe auf dem Scheiterhaufen starb. Seit 2005 trägt eine Gasse im 22. Bezirk ihren Namen.
Der Zentralfriedhof und die schöne Leich
Zu Allerheiligen gehört in Wien der Zentralfriedhof, und das hat einen kalendarischen Grund: Geweiht wurde er am 31. Oktober 1874, eröffnet am Tag darauf, an Allerheiligen. Heute ruhen dort rund drei Millionen Tote in etwa 330.000 Gräbern, darunter Beethoven, Brahms, Falco und Udo Jürgens. Weltberühmt wurde der Friedhof durch die Schlussszene von „Der dritte Mann“.
Gruselig ist der Ort trotzdem nur auf den ersten Blick. Eine „schöne Leich“ nennen die Wiener ein würdevolles Begräbnis, und der Zentralfriedhof gilt als eine der grünsten Ecken der Stadt. Zwischen den Gräbern leben Falken, Marder, Dachse, Hamster und Rehe. Am beliebtesten sind die zutraulichen Eichhörnchen, die in Wien alle „Hansi“ heißen.
Rosemaries Baby: ein blutroter Cocktail aus Wien
Zum Schluss etwas für den Halloween-Abend. Das Rezept stammt aus dem Wien-Lesebuch, im Original aus der Bar „Spelunke“ am Donaukanal in der Leopoldstadt. Johannisbeersaft gibt die Farbe, Rosmarinsirup und Ingwerlikör den Geschmack.
Zutaten für 4 Gläser:
- 25 g frische Rosmarinnadeln
- 50 g Vollrohrzucker
- 1 unbehandelte Zitrone
- 16 cl Gin
- 8 cl Ingwerlikör
- 400 ml Johannisbeersaft
- rote Johannisbeeren zum Dekorieren
Zubereitung:
- Den Zucker mit 100 ml Wasser langsam erhitzen, ohne ihn kochen zu lassen, und rühren, bis er sich ganz aufgelöst hat.
- Die Zitrone waschen, in dünne Scheiben schneiden und mit den Rosmarinnadeln dazugeben. Bei sehr milder Hitze 30 Minuten ziehen lassen.
- Den Sirup durch ein Sieb abgießen, die Zitronenscheiben dabei ausdrücken, und vollständig abkühlen lassen.
- Den Sirup auf vier hohe Gläser verteilen, mit Gin, Ingwerlikör und Johannisbeersaft auffüllen und gut umrühren. Jeden Glasrand mit einer Rispe Johannisbeeren schmücken.
Noch mehr Geschichten und Rezepte aus Wien? Lesen Sie Das Wien-Lesebuch von Almut Irmscher.
Bildnachweise:
Headerbild: Jacek Dylag, Unsplash, https://unsplash.com/photos/st-stephens-cathedral-skyline-in-vienna-5SjAaqqCCmY
Gasse in der Wiener Innenstadt: Anton Tseiko, Unsplash, https://unsplash.com/photos/a-dimly-lit-street-with-people-walking-at-night-0FDdZPOmtVU
Zentralfriedhof: Christof Grossfurtner, Unsplash, https://unsplash.com/photos/overgrown-cemetery-with-ancient-tombs-and-ivy-4bsUqljng_s


