Etwas ganz Besonderes – Übernachten auf einem Weingut in Georgien


Einmal sein eigenes Weingut besitzen. Was sich manch einer als Lebensziel gesetzt hat, ist in Georgien schon jetzt möglich. Der Tourismus boomt im Land am Kaukasus. Während vor 25 Jahren noch ein blutiger Bürgerkrieg in Georgien tobte, kann man heute sicher durch das Land reisen. Und das hat sich herumgesprochen. Davon profitieren viele Menschen im Land. Auch die Weinbauern.

Foto: Mathias Vatterodt

Georgien ist bekannt für seinen Wein. Jüngste archäologische Ausgrabungen belegen, dass der erste Wein überhaupt aus Georgien kam. Von den weltweit 4000 Rebarten kommen 500 aus Georgien. Das größte Anbaugebiet liegt in der Provinz Kachetien, östlich von der Hauptstadt Tiflis. Meine Freundin Sophia und ich wollten einmal solch ein Weingut unser Eigen nennen. Zumindest für drei Tage. Nachdem wir größtenteils auf unserer Reise auf zwei Quadratmeter gelebt haben, wollen wir uns jetzt mal etwas gönnen.

Mestvireni – ein Weingut der besonderen Art

Und so lernen wir den 29-jährigen Beka kennen, der uns herzlich auf seinem Weingut Mestvireni empfängt. „Meine Familie hat schon immer Wein hergestellt. Früher war es aber nicht so viel wie heute. Und der Wein war auch nicht zum Verkauf bestimmt, sondern nur für den Eigenbedarf“, erzählt Beka, während er uns sein Anwesen zeigt. Der berüchtigte Hauswein also. Knapp 1000 Liter produziert Bekas Familie. Für den Eigenbedarf doch recht viel. Ich schaue Beka ungläubig an. Er lacht nur. „Ihr müsst wissen, dass wir in Georgien viele Feste feiern. Und wir lieben es, den Abend mit unserer Familie, Freunden und Nachbarn zu verbringen. Wir kochen gemeinsam und trinken natürlich unseren Wein. Da sind die 1000 Liter ganz schnell weg!“

Beka erläutert, wie der Wein produziert und gelagert wird. Foto: Mathias Vatterodt

Unsere Unterkunft ist einzigartig. Die Villa überblickt das endlose Grundstück, auf dem neben Weinreben auch viele Haselnusssträucher wachsen. Im Tal gibt es regelmäßige Niederschläge, die Tages- und Nachttemperaturen schwanken nur wenig. Ideal für den Anbau von Wein und Nüssen. „Das Haus haben wir erst 2013 gebaut. Das Nachbargebäude mit dem Weinkeller kam zwei Jahre später dazu. Eigentlich war das Wohnhaus für uns gedacht, doch dann kamen immer mehr Touristen in unsere Region. Also haben wir beschlossen, das ganze Haus in ein Gästehaus umzubauen“, erklärt uns Beka, während wir auf der Veranda sitzen und das fantastische Bergpanorama genießen.

Das Weingut liegt zehn Minuten von der Provinzhauptstadt Telawi entfernt. Hier schlägt das Herz des Weinanbaus in Georgien. Hier kommen die Weine her, die schon zu Sowjetzeiten auf keinem Staatsbankett fehlen durften. Auch heute noch gehört der georgische Wein zur internationalen Spitzenklasse. Tiefschläge wie im Jahr 1985, als Gorbatschow dem Alkoholismus den Kampf ansagte und ganze Weinberge abholzen ließ, oder das Wirtschaftsembargo Russlands auf Wein 2006 haben die Bauern mittlerweile gut weggesteckt. „Vor allem große Betriebe litten darunter. Unsere Familie hat ja nur für den Eigenbedarf produziert. Wir waren von diesen Krisen nicht betroffen“, berichtet Beka auf meine Nachfrage.

Mit dem Bau der Villa professionalisierte die Familie den Weinanbau und konzentrierte sich auf den trockenen Weißwein Rkaziteli sowie den trockenen Rotwein Saperawi. In Kanistern wurde der Wein nach Russland gebracht. In Sankt Petersburg gab es einen großen Abnehmer. „Dem Fahrer mussten wir immer einiges an Bargeld mitgeben, denn auf dem Weg durch Russland müssen viele Beamte geschmiert werden“, zwinkert mir Beka zu. Doch mit den ersten Touristen war klar, wo der Weg hingehen sollte. Der Wein musste in schicke Glasflaschen mit ansprechendem Etikett. Ein befreundeter Künstler half bei der Gestaltung. Seit 2017 gibt es den ersten Mestvireni-Wein auch als passendes Mitbringsel. Und der schmeckt richtig gut. „Viele unserer Gäste kommen aus Deutschland oder den Niederlanden. Und die möchten jetzt Nachschub. Daher suche ich momentan günstige Wege, den Wein nach Europa zu bringen.“

Auf Bekas Grundstück gibt es nicht nur zahlreiche Weinreben, sondern auch Haselnusssträucher. Foto: Mathias Vatterodt

Schließlich macht sich Beka auf dem Weg. Später wird er nochmal kurz wiederkommen und uns zu einer Weinverkostung im Weinkeller einladen, während seine Schwester ein köstliches Abendessen zaubert. Dann lassen uns die beiden allein. Am nächsten Morgen starren wir ungläubig von der Veranda auf die Haselnusssträucher und Weinreben, die im warmen morgendlichen Licht vor den Bergen des Kaukasus Sonne tanken. Kaum zu fassen! Wir haben tatsächlich unser eigenes Weingut.

Mathias Vatterodt

 

Zu seinen Reiseerfahrungen von Georgien berichtet der Autor in seinem Vortrag „Georgien – Abenteuerland am Kaukasus“:
http://alongwideroads.com/de/travel-reports/georgien-abenteuerland-am-kaukasus/

Vortragstermine und Reiseberichte gibt es auf dem Blog des Autors.

Mathias Vatterodt reiste mit seinem umgebauten Geländewagen tausende Kilometer, um sein Sehnsuchtsziel Indien zu erreichen. Dabei machte er auch Halt in Georgien. Das Buch zur Reise ist bei uns im MANA-Verlag erschienen und hier im Shop erhältlich!

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