Indien – 007 im Maharadschapalast


Rolf Stärk ist ein Globetrotter, wie er im Buche steht. Ob Sansibar, Syrien oder Spitzbergen: kein Weg war zu weit, kein Ziel zu ausgefallen, keine Herausforderung zu groß. Dutzende Länder rund um den Globus hat der Kölner in den vergangenen Jahrzehnten bereist, viele davon mit seiner Frau Ulrike und seinen beiden Hunden Vasco und Balou. Im Rahmen unserer neuen Serie „Fernsucht“ veröffentlichen wir alle zwei Wochen einen Auszug aus dem gleichnamigen E-Book, das noch 2019 erscheinen wird. Lesen Sie in Folge 5, wie Stärk und seine Gefährtin Ulrike in die indische Metropole Delhi  eintauchen, warum die Architektur des Taj Mahal so rätselhaft ist und was es mit der „Hijra“, dem in Indien anerkannten dritten Geschlecht, auf sich hat.

Von Jakarta führte uns das Flugzeug zu unserer Ticketbörse Hongkong zurück. Nun wollten wir endlich nach China, doch daraus wurde wieder nichts. Diesmal war nicht das Wetter schuld, sondern eines der großen Welträtsel: Wie kann es sein, dass die – nach Bevölkerungszahl – größte Zivilisation der Welt, in der alle möglichen Religionen neben dem Buddhismus bestenfalls geduldet werden, ausgerechnet auf den größten Feiertag des ansonsten in China fast einflusslosen Christentums verrückt ist? Zu Ostern durch China zu reisen, sei fast unmöglich, belehrte uns die Reisebürofrau (zierlich, blondgefärbt, chinesisch, dunkelblaues apartes Kostümchen), denn alle Flüge, Schiffe, Züge und Hotels seien dann ausgebucht und zwar tagelang. Also erstanden wir ein absurdes, aber unwiderstehlich billiges Ticket Bangkok – Delhi – Bangkok – Muscat/Oman – Nairobi und zurück in der Hoffnung, dass sich wenigstens an einem dieser Orte der Schokohasen- und Eierunfug in Grenzen hielte.

Auf Entdeckungstour in Delhi

In Delhi stiegen wir aus und begaben uns zur Altstadt mit ihrem Gewimmel von Menschen, Rikschas, allen möglichen motorisierten Fahrzeugen, gelangweilt blickenden höckerigen Kühen, unternehmungslustigen Ziegen und halb verhungerten eingeschüchterten Hunden. Die Gerüche dieses Ortes bestanden aus einem ständig seine Farben wechselnden Cocktail aus Holz- und Rinderdungfeuern, starken, mir fremden Gewürzen, Fahrzeugabgasen und tierischen und menschlichen Exkrementen. Diese Geruchskulisse und das Lärmprofil aus Händlergeschrei, den Rufen der Karrenzieher, Gehupe, Gebell, Rikschaklingeln, Motorenlärm und islamischen Gebetsrufen wirkte berauschend auf mich, ich wusste jetzt wieder, wo ich mich befand. Von früher kannte ich ein kleines, wirklich indisches Hotel, das jedoch nicht mehr existierte. Indische Hotels erfüllten in perfekter Weise meine Erwartungen an eine Herberge: Sie verzichteten auf all den Schnickschnack, den man anderswo mitbezahlte, wie Pool, Fitnessraum, Klimaanlage, Roomservice oder täglich gewechselte Handtücher. Die Zimmer waren klein und karg möbliert, die sauberen Betten behaglich und die Wände angenehm unbebildert. Gleich nebenan fanden wir ein anderes Hotel, das indisch bis in die Knochen war, ein entzückendes Restaurant führte und – sehr indisch – „Broadway“ hieß. Es war schon dunkel und wir mussten in den Arkaden vor dem „Broadway“ über viele Menschen steigen, die sich dort zur Nacht niedergelegt hatten. Seit meinem ersten Besuch auf dem Halbkontinent war viel Zeit vergangen und der Begriff „Schwellenland“ erfunden worden. Dass sogar in der Hauptstadt noch so viele Menschen vor den Türschwellen leben, hatte ich nicht erwartet. Es war heiß, aber nach den Tropen erschien uns diese trockene Hitze angenehm. Das Fenster unseres Zimmers führte auf einen kleinen Platz hinaus und erwies sich als Logenplatz im riesigen Theater Old Delhi. Zwischen abgehängten roten Vorhängen war ein breites Holzpodest errichtet, und drei alte Männer, vier Ziegen und ein paar Schafe stritten sich unentwegt um die besten Plätze auf dem Podest. Ziegen, Schafe und Männer gingen durchaus liebevoll miteinander um, aber auch sehr hartnäckig; es entwickelte sich ein sanfter Nervenkrieg. Bald wurde der Platz für ein Fest geschmückt und mit Teppichen ausgelegt, auf denen „Allah“ eingewebt war, was aber weder die Mopedfahrer davon abhielt, darüber zu knattern, noch die vier Ziegen, darauf zu kacken und auf die Festtische zu klettern. Gastgeber und Festgäste störte weder das eine noch das andere. Geduldig begleiteten sie die Ziegen wieder nach draußen – immer wieder, denn sofort kamen die Viecher wieder zurück. Eine erste Kostprobe der einzigartigen Sanftmut und unerschöpflichen Geduld der Inder, die in der Vergangenheit schon so jäh in Fanatismus, grenzenlose Gewalt und Pogrome umgeschlagen ist.

Foto:Aquib Akhter/unsplash

Für den nächsten Morgen hatten wir ein festes Ziel: Wir ließen uns von einem Bajaj, einer Motorrikscha, nach Neu-Delhi zur urindischen Firma Mackinnon, Mackenzie & Compagnie bringen. Mackinnon, Mackenzie & Compagnie war das beste Reisebüro, das ich je kennengelernt habe, nur die französische Schreibweise von Company kam mir etwas manieriert vor. Es ging dort zu wie in einem Handelskontor vor hundert Jahren: unzählige Schreibtische mit jeweils drei bis vier alten Wählscheibentelefonen, deren Leitungen wie wirre Spinnennetze überall herumhingen, und alles wurde mit der Hand geschrieben, auch Flug- und Bahntickets. Jeder Geschäftsvorgang wurde zusätzlich in dicke Hauptbücher eingetragen, wenn auch nicht mehr mit Tinte wie bei meinen früheren Besuchen. Überall lagen dicke Folianten, Listen und Aktenordner herum, Schreibmaschinen oder gar Computer suchte man vergebens. Die zahlreichen Angestellten waren überwiegend schneeweiß gekleidete Sikhs mit mächtigen Turbanen und Bärten, zuvorkommend, aber auf jene Weise stifflipped, wie man es nur britischer Upperclass abgucken konnte („Sie wünschen, Sir?“ – „Well, Rangar, ich gedenke, mit einer Sojus auf die ISS zu fliegen und anschließend weiter mit einem Atom-U-Boot unter dem Nordpol durchzutauchen.“ – „Gute Idee, Sir. Darf ich fragen, wann, und eventuell mit wem, Sir?“). Die Beratung war einzigartig. Sie verkauften keine Reisen, sie organisierten sie. Ich verlangte eine Reise durch den ganzen Subkontinent mit allen möglichen Extras und wechselnden Verkehrsmitteln und das war verdammt kompliziert, denn mal war zum richtigen Zeitpunkt gerade ein Hotel ausgebucht, mal ein Flugzeug usw. Am Ende standen vier Leute an unserem Schreibtisch, studierten Listen, telefonierten und berieten sich, tüftelten. Nach über einer Stunde war unsere Reise perfekt und alles würde klappen wie auch schon früher, da war ich mir sicher. Na ja, nicht wirklich alles, wie wir noch erfahren würden, aber daran trug das Büro keine Schuld. Bezahlt wurde übrigens weder mit Schecks noch mit Kreditkarten, sondern selbst große Beträge waren in bar zu entrichten. Die Geldbündel wurden mit angefeuchtetem Daumen blitzschnell durchgezählt. Der Ruf des Büros war in ganz Indien so legendär, dass man hin und wieder eigentlich Unmögliches erreichte, wenn man sich nur auf Mackinnon, Mackenzie & Compagnie berief. Ein Beispiel: Auf einer früheren Indienreise hatte es mich auch nach Udaipur in Radjastan verschlagen. Dort hatte ein verrückter Radscha mitten in einer Steppe von tausenden Arbeitern ein riesiges Loch graben und es mit Wasser füllen lassen. Inmitten dieses Sees hatte er dann auf einer Insel einen marmornen Palast errichtet, der alles erfüllte, was man sich so unter dem Luxus und dem märchenhaften Reichtum der Maharadschas vorstellt. Vor ein paar Jahrzehnten hat dann ein Nachfolger eines der luxuriösesten Hotels Indiens daraus gemacht, das „Lake Palace“. Seit dann auch noch Sean Connery dort als 007 in „Octopussy“ mal wieder die Welt gerettet hatte, war das Lake Palace mindestens ein Jahr im Voraus komplett ausgebucht. Da konnte uns nicht einmal Mackinnon, Mackenzie & Compagnie weiterhelfen. Umso größer brannte am Seeufer, den Blick auf den Märchenpalast gerichtet, die Sehnsucht in meiner Brust. Nun, man könnte ja wenigstens mal da drüben dinieren. Am Ufer lag eine baldachingeschmückte kitschige kleine Fähre, die von einem streng blickenden Sikh bedient wurde (irgendwie gucken Sikhs immer streng, finde ich) und der fragte „arrre you rrresidents, Sir?“. Ich stotterte irgendwas herum und wir mussten das Boot wieder verlassen. Welch eine Schmach! Das übertrieben gerollte „R“ musste der Kerl auch wieder von den Briten kopiert haben. Grollend holten wir in unserem Hotel die Rollköfferchen ab, bestiegen eines der größeren Taxis und ließen uns wieder an der Fähre absetzen. „Arrre you rrresidents, Sir?“ – „Yes, of course!“. Schon die Rezeption war beeindruckend. Hinter dem Tresen standen wieder diese höflichen, aber blasierten Angestellten mit jenem Butlerausdruck, dem zwar nichts Menschliches fremd war, der aber zugleich immer etwas Missbilligendes hatte. Ich versuchte mitzuhalten, klopfte auf die flache Klingel (absolut unnötig) und schnarrte „mein Doppelzimmer für zwei Nächte, bitte“. „Sie haben eine Reservierung, Sir?“ – „Selbstverständlich“, log ich. Langes Papiergeraschel, ein Telefonat, nochmals Geraschel. „Untröstlich, Sir, uns liegt keine Reservierung vor“. „Sie haben keine Reservierung? Dann haben Sie wohl ein Problem.“ Erneutes Telefonieren und Papiergeraschel, der Geschäftsführer erschien. „Darf ich fragen, Mr. Stark, wo Sie Ihre Reservierung getätigt haben?“ Aha, ich wurde mit Namen angesprochen, ein Zeichen von Verunsicherung, jetzt galt es, alles auf eine Karte zu setzen und ich donnerte: „Mackinnon, Mackenzie & Company!“ (die französische Ausspracheversion ließ ich weg). Die Butlerblasiertheit hinter dem Tresen wich einer ganz und gar unbritischen Aufregung. Ich hatte das „M“-Wort benutzt. „Das Haus ist untröstlich, Mr. Stark und beeilt sich, Ihnen die Hochzeitssuite anzubieten, das einzige, was heute zufällig frei ist, Sir. Selbstverständlich zu einem reduzierten Preis, Sir“. Das Haus, soso. Reduziert, aha. Wenn du jetzt den Fehler machst, nach dem Preis zu fragen, bist du erledigt, sagte ich mir und zeigte mich halbwegs versöhnlich. Der Preis würde mich zweifellos für eine Weile ruinieren, was er auch tat. Aber ich habe nichts bereut, immerhin war allein der Ankleideraum in der Suite fast so groß wie die Pianobar im Kölner Maritim.

Obwohl ich mir geschworen habe, niemals die Reiseerzählung zu verlassen und stattdessen eine Orts-, Länder- oder Objektbeschreibung zu geben, die den Reiseführern vorbehalten sein soll, muss ich hin und wieder Ausnahmen machen: zum Beispiel beim Grabmal der Mumtaz Mahal, der Lieblingsfrau des größten aller Großmoguln, die aus dem Norden den Islam nach Indien brachten. Das Grab ist als Taj Mahal bekannt und liegt in der Stadt Agra. Die Reiseführer verwenden zu Recht große Mühe darauf, seine unaussprechliche Schönheit und die unvorstellbaren Anstrengungen seiner Erbauung zu beschreiben. Aber die meisten vernachlässigen eine Besonderheit, die ich für einzigartig halte: Es geht um die perspektivische Zauberformel des Grabmals. Jeder Berg, jede Landschaft, jeder Baum und jedes Gebäude verändert sein Erscheinungsbild, wenn man es aus unterschiedlichen Entfernungen betrachtet. Das liegt natürlich daran, dass die sich verändernde Perspektive die Proportionen verändert. Architektur lebt von den richtigen Proportionen und nur das Verhältnis der Linien zueinander bedient die Ästhetik. Dieses Verhältnis aber verschiebt sich dummerweise, je nachdem, ob der Betrachter sich nähert oder entfernt (das maßstäblich korrekte Empire-State-Building sieht grässlich aus, wenn man es von unten fotografiert und der Kölner Dom, von dem man nie weit genug wegkommt, auch). Nur das verflixte Taj Mahal ändert scheinbar seine Proportionen nicht, daran hat man lange herumgerätselt.

Das Taj Mahal gehört zu den meistbesuchten Orten in Indien. Foto: Koushik Chowdavarapu/unsplash

Die Lösung besteht in den minarettähnlichen Ecktürmen, deren Spitzen exakt den Kuppelscheitel des Hauptgebäudes erreichen. Das erzeugt ein Augenverwirrspiel, ein „Trompe l’Œil“, wie aus den Zeichnungen von M. C. Escher bekannt. Das innere Auge erzeugt unbewusst ein Gitterwerk zwischen Turmspitzen und -basen und legt dieses auf das Hauptgebäude, so, wie die Barockmaler bei der Entdeckung der Perspektive ein Gitternetz benutzten. Die Wirkung ist umwerfend, solange man sich nicht zwischen die Türme begibt. Dazu passt, dass das Auge auf Anhieb auch nicht unterscheiden kann, ob die Türme um das Gebäude herum oder alle vier vorn in seiner Flucht stehen (außer auf Fotos oder im Film). Man denke sich die Türme weg und das Wunder zerplatzt: Man hat es nur noch mit einer bombastischen Kuppel zu tun, wie dem Petersdom etwa. Bis heute hoffe ich, dass diese Sache eher zufällig zustande gekommen ist, denn wäre sie von dem Architekten tatsächlich beabsichtigt, dann wäre seine Genialität erdrückend.

Wir bewundern auf Reisen die Einheimischen und die Einheimischen bewundern uns, so ist das nun mal, und dies ist ein Zweck des Reisens. Wir staunten zum Beispiel über die Kleidung der Inder: Die Männer trugen kunstvoll geschwungene Turbane, die zum Teil aus meterlangen Stoffbahnen bestanden, meist knielange weiße Gewänder über weißen Röhrenhosen und darüber nicht selten ein Jackett; eine eigenartige Stilmischung, fanden wir. Frauen trugen Saris in allen Farben, manche waren aus einfachem Tuch, andere goldgewirkt, reich verziert und kostbar. Sie alle ließen einen Blick auf einen nackten Teil der Taille frei und das für uns Rätselhafte: ihre Trägerinnen erschienen darin unerhört elegant, und zwar ganz gleichgültig, ob sie jung oder alt, schlank oder dick waren. Vielleicht lag es an der selbstverständlichen Anmut, mit der sie sich bewegten. Äußerstes Interesse der Einheimischen erregte in der Regel Ulrikes Kurzhaarfrisur, die jene im Verein mit ihrer dunklen Stimme zweifeln ließ, ob es sich bei ihr überhaupt um eine Frau handelte. Um der Sache auf den Grund zu gehen, half andernorts nur scheues Begrapschen durch andere Frauen. Die gewonnene Erkenntnis wurde sodann mit verlegenem Gekicher quittiert. Nicht so in Indien: Das Begrapschen fand wie eine bewundernde Verehrung statt und gekichert wurde auch nicht, was nun wiederum uns verwunderte. Des Rätsels Lösung: Die Frauen vermuteten, dass Ulrike ihre prächtige hüftlange Haarpracht in irgendeinem Tempel einer Gottheit geopfert hatte – ein religiöser Brauch, der weltweit eine lukrative Haarverlängerungsindustrie befeuert.

Fadenwunder

Nahe bei Agra steht auf dem Berg Fahtepur Sikri ein verlassener großer Palast aus rotem Stein. Im weiten Innenhof findet man ein wie ein Pavillon gestaltetes Grabmal, dem Wunderkraft zugesprochen wird und das als großes Heiligtum gilt. Bei meiner ersten Indienreise wollte ich den Wundern auf den Zahn fühlen und betrat das hübsche kleine Mausoleum. Drinnen gab es einen grellbunten Altar mit Kerzen und Räucherstäbchen, um den einige safrangelbe Mönche mit abwesenden Blicken hockten und Mantras leierten. Das mit den Wundern funktioniert so: Man kauft den Mönchen einen gefärbten Wollfaden ab – man darf zwischen sechs verschiedenen Farben wählen –, nestelt diesen sodann an eines der Alabastergitter der Außenwand und wünscht sich was dabei. Schafft man es, die Klappe zu halten und niemandem den Wunsch zu verraten, dann wird er erfüllt, ganz einfach. Und jetzt kommt’s: Nachdem das Wunder gewirkt hat, muss man zeitnah wieder an den Ort zurück und den Faden wieder abnehmen, anderenfalls droht schreckliches Ungemach. Eine prima Geschäftsidee, denn der Faden war nicht unter 50 Rupien zu haben und die Wände hingen voll davon. Aber das war es mir wert, schließlich entzünde ich auch ab und zu mal Kerzen in Kirchen. Ich tat wie geheißen, wünschte mir was ziemlich Unbescheidenes und vergaß die Sache schnell wieder. Nach geraumer Zeit – ich war längst wieder daheim – wurde mein Wunsch Wirklichkeit. Chapeau!, dachte ich, die Jungs haben wirklich was drauf. Wiederum nach einer Weile ereilte mich ein übler Tiefschlag. Ich hatte glatt den zweiten Teil des Wunderkleingedruckten vergessen, ich hätte den Faden abnehmen müssen! Aber wer zum Teufel bucht schon extra einen Flug von Köln nach Agra, um einen Wollfaden zu holen!

Nun waren wir aber mal in Agra und ehe mir am Ende noch weitere Unheilvollstreckung ins Haus stand, ließ ich mich lieber mal im Heiligtum blicken. Die Mönche zeigten sich zunächst verdrossen, weil ich keinen neuen Faden kaufen wollte, der Preis war übrigens auf 120 Rupien gestiegen. Sie waren jedoch entgeistert, als sie meinen Wunsch zur Fadenentfernung hörten. Aha, das schien nicht gerade häufig zu geschehen – keine sehr überzeugende Werbung, fand ich. Doch ich unterschätzte die Burschen schon wieder, denn sie hatten auf der Stelle das enorme PR-Potenzial meines Anliegens erkannt. Ich wurde mit Weihrauch zugeblasen, man machte ein Mordsaufhebens und ich wurde feierlich zur Fadenentfernung begleitet. Verflixt, wo hatte ich den nur hingehängt und welche Farbe hatte er? Egal, the show must go on. Ich nahm irgendeinen Faden ab, dafür wollten sie nochmal 120 Rupien, ich konnte sie aber auf 50 herunterhandeln, wenn sie ihn behalten dürften. Sie hingen ihn in eine kleine Glasvitrine am Altar. Also wundern Sie sich nicht, wenn Sie mal nach Agra kommen und einen grünen Faden am Altar sehen. Es ist meiner.

Khajuraho

Asien ist voller bewundernswerter Tempel. Ihre Schönheit, Ausdehnung, Alter, Architektur und die Kunstfertigkeit der Bildhauer machen sie zu Magneten für Forscher, Historiker, Theologen und vor allem für Touristen. Indien rühmt sich zu Recht, besonders reich an solchen Weltkulturgütern zu sein. Im Bundesstaat Madhya Pradesh allerdings steht eine Tempelanlage, die einzigartig sein dürfte. Sie übt eine Wirkung aus, die Bewunderung, Neugier, Ehrfurcht oder Andacht um ein weiteres Phänomen bereichert, nämlich die Offenbarung psychologischer Abgründe ihrer Betrachter. Dazu allerdings muss man die Betrachter betrachten. Die Tempelanlage befindet sich in einem großen, aber ziemlich unbedeutenden Dorf namens Khajuraho und wurde seit ihrer Entdeckung durch die prüden englischen Kolonialherren zunächst von den ansonsten recht ausführlichen Indien-Reiseführern verschwiegen. In neuerer Zeit fand sie zwar Erwähnung, aber über ihre Besonderheit wurde kein Wort verloren, und das war beileibe nicht nur in England so. In Deutschland erschien erstmals eine genaue Darstellung 1968, und die wurde als „Sonderausgabe für Wissenschaftler und Forscher“ verbrämt. Heute besuchen jährlich Millionen die Anlage. Der verklemmte Umgang mit diesen Tempeln hat ziemlich handfeste Gründe:

Sie sind wirklich sehr groß und ihre Außen- und Innenwände haben enorm viel Platz für Figuren-Ornamentik, und diese Figuren kopulieren allesamt auf Teufel komm raus, und zwar zu Tausenden. Wenn sie sich wenigstens auf schlichten Geschlechtsverkehr beschränken würden! Aber nein, sie haben Gruppensex, lassen sich koitale Stellungen einfallen, die anatomisch ohne die Hilfe von Assistent(inn)en undenkbar wären, schrecken nicht einmal vor Zoophilie zurück und haben vor allem ersichtlich Spaß daran.

Vor tausend Jahren hatte die Chandella-Dynastie das Land in eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte geführt, die enormer Lebensfreude Raum bot und zeitlich zusammentraf mit der Hochzeit des Tantrismus. Diese Besonderheit im Hinduismus versucht – stark vereinfacht – die Meditation um die Elemente Weiblich und Männlich zu erweitern und folglich den Geschlechtsakt zum meditativen Mittel zu erheben. Die figürlichen Darstellungen wurden daher keineswegs als anstößig oder gar pornografisch verstanden, sondern als Ausdruck einer sehr speziellen Spiritualität. Teile der Hippiebewegung versuchten in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts etwas Ähnliches wieder aufleben zu lassen, aber im besten Fall endete das nach Kurzem in Beziehungstumult oder im schlechtesten Fall in der Mördersekte eines Charles Manson. Den heutigen Betrachtern und auch mir erscheint das Treiben in Khajuraho jedenfalls befremdlich und löst allerlei komische Reaktionen aus.

Die einen stieren konsterniert auf Einzelheiten, wenden sich ungläubig um und stieren erneut, sammeln anschließend ihre Gesichtszüge ein, um mit in Beton gegossener Miene die Besichtigung hinter sich zu bringen. Das sind die einzelgängerischen, lustfeindlichen Wertemoralisten, denen zwar nach Bilderstürmen zumute ist, die sich aber anders als die Taliban nicht trauen, zur Tat zu schreiten. Die anderen glotzen und glotzen und kriegen gar nicht genug, ziehen Ferngläser vor die Augen, stellen ihre Teleobjektive scharf und ergehen sich gegenüber ihren Mitreisenden und Begleiterinnen lauthals in zotigen Hinweisen und absolut respektlosen Anspielungen auf ihre eigenen einschlägigen Erfahrungen. Bei ihren Begleiterinnen führt das je nach psychischer Prägung entweder zu hysterischem Lachen oder zu still leidendem In-den-Boden-Versinken. Das sind Menschen – so stelle ich mir vor – deren sexuelle Gewohnheiten drastisch, aber erotikfern genannt werden dürfen. Wieder andere nehmen eine sachkundig-nüchterne Betrachterhaltung ein wie die des Kunstkenners, dem zwar kein Sujet fremd ist, der sich aber nur für den Wert des Ausdrucks im kunstgeschichtlichen Zusammenhang interessiert. Diese Spezies ist verzweifelt bemüht, sich ihrer Umgebung als jemanden zu präsentieren, der auf übergeordnete Kategorien fokussiert und Allzumenschliches mit einem Handwischen übergeht. Sex ist – das soll angedeutet werden – nur ein plebejisches Verlangen, das künstlerischer Sublimierung bedarf. Es finden sich wieder andere, die Hochleistungskameras unendlich viele Fotos im Millisekundentakt schießen lassen, um sich die gesammelten „Sauereien“ dann zu Hause in Ruhe und einsam gründlich vorzunehmen. Ja, und dann gibt es natürlich auch noch die Leute, zu denen ich mich zähle. Die gucken sich alles ausgiebig an und staunen über die durchaus anregende Phantasie der Darstellungen; sie versuchen, sich selbst in die lüsternen Szenen hinein zu projizieren, nicht ohne Bedauern darüber, das Eine oder Andere wohl nie selbst erleben zu dürfen. Letztlich jedoch verhielt ich mich genauso verdruckst wie alle: die eigene Partnerin musste ja nicht unbedingt mitkriegen, was einem da so alles durch den Kopf ging. So verließ ich das Weltkulturerbe wie jemand, der, selbst von Tageshelligkeit geblendet, vollkommen schutzlos ein Pornokino verlässt, und draußen freundlich von seinem zufällig vorbeikommenden Vorgesetzten begrüßt wird.

Wüstentravestie

In Rajasthan sind Dromedare zwar als Arbeitstiere verbreitet, aber sie tragen nichts und werden auch nicht geritten, vielmehr ziehen sie große zweirädrige Karren. Man könnte meinen, dass ihnen das ziemlich peinlich ist, denn sie tun allesamt so, als hätten sie mit den Karren hinter ihnen nichts zu schaffen. Umso erstaunter stellten wir fest, dass man in Jaisalmer (ein Wüstenjuwel, das kein Indienreisender verpassen sollte) auf Dromedaren in die Tarwüste reiten kann. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Schon auf dem Weg boten uns Dutzende ihre Dromedare an. Die Preise purzelten mit jedem Meter, der uns der Kamelausreitstelle näher brachte. Von 200 Rupien sanken sie zuletzt bis auf sieben ab. Die offizielle staatlich kontrollierte Stelle verlangte 70 Rupien. Ich legte mit pfiffigem Gesichtsausdruck den Zeigefinger an die Nase und dozierte: „Pass auf, Schatz, wir werden weder was Teures nehmen noch werden wir diese offizielle Mafia unterstützen, die garantiert die Kamelbesitzer gnadenlos ausbeutet. Wir werden einem der armen Kerle einen ordentlichen Verdienst gönnen.“ So klingen Worte eines Wohltäters. Nach halbherzigem Gefeilsche einigten wir uns auf 50 Rupien pro Kamel und es konnte losgehen. Mein Dromedar wendete den Kopf und warf mir unter buschigen Wimpern einen mürrischen Blick zu. Die Wanderung war angenehm, das Tier lief nicht, es befleißigte sich einer würdevollen Gangart und ich fand, dass der Passgang wesentlich behaglicher war als das Gehopse auf einem Pferderücken oder gar das grauenerregende Geschaukel auf einem Elefanten. Der Kameleigner (jawohl: Eigner, denn ich sitze auf einem Wüstenschiff) wanderte vergnügt nebenher und trällerte ein etwas schräg klingendes Lied.

Foto: Wolfgang Hasselmann/unsplash

So musste es John Wayne ergangen sein, wenn er auf seinem Kamel in die Abendsonne ritt. Das war schon ein paar Becquerel wert, denn wir waren vermutlich nicht allzu weit von der Stelle weg, an der die Inder ihre Atombombentests ausgeführt hatten – so sonderlich groß ist die Tarwüste ja gar nicht. Nach einer guten Stunde traten wir den Rückweg an, und nach zehn Minuten blieben unsere Dromedare stehen. Der Eigner zerrte an den Halftern – nichts zu machen, die Biester waren wie in Blei gegossen. „Was haben sie denn?“, wollte ich wissen. Vorgetäuschte Verlegenheit und Schulterzucken waren die Antworten. Dann rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander, eine wahrhaft internationale Geste. „Geld? Wollen die Viecher etwa Geld?“ Er nickte treuherzig auf indische Weise, indem er den Kopf kurz von einer Schulter zur anderen neigte. „Ich habe doch schon bezahlt!“ Es half nichts, ich öffnete meine Börse, überreichte einen Geldschein und sofort setzte sich unsere Karawane wieder in Bewegung. Das Ganze wiederholte sich noch dreimal, sodass ich dem Gauner am Ende über 200 Rupien zahlte.

Hoch oben in Jaisalmer bewohnten wir eine großartige Herberge in einer ehemaligen Karawanserei, sie war geschmackvoll eingerichtet und erlaubte einen erhabenen Blick über die Stadt mit ihren Havelis – überreich geschmückten Prachthäusern der vormals wohlhabenden Karawanenhändler – und die Wüste. Abends wurde ein Dinner mit Unterhaltung angeboten. Die Unterhaltung bestand in einer Folklore-Tanzveranstaltung mit Musikern und war sehr indisch: es wurde Sitar gezupft und Tabla geschlagen. Der Tänzer sah aus wie Omar Sharif im Unterrock und die beiden verschleierten Tänzerinnen rangen so anmutig die Hände, dass es uns die Sinne raubte. Zum furiosen Finale flatterten die beiden Schönheiten in das Auditorium und eine von ihnen eilte zu unserem Tisch. Wegducken half nicht, mit rüdem Bass forderte die Fee mich zum Tanz auf, ein harter Griff riss mich am Handgelenk vom Stuhl, und – schwupps! – schwebten wir über die Dielen. Kein Zweifel, diese Augenweiden waren Kerle.

Später lernten wir, dass es sich bei den Tänzerinnen um Hijras handelte, das „Dritte Geschlecht“. Diese Menschen sind in Indien seit alters her eine anerkannte und gefürchtete Volksgruppe. Gefürchtet, weil ihre Verwünschungen – sollte man sie erzürnt haben − ernst genommen werden. Sie leben gemeinsam wie in Familien mit einem Oberhaupt, das als Lehrer betrachtet wird. Sie sind keine Transsexuellen im Wortsinn, auch nicht unbedingt schwul und nicht lesbisch, sondern – obwohl weitestgehend von der Prostitution lebend – auf seltsame Weise geschlechtslos. Sie sind Hermaphroditen oder auch ursprünglich männliche Wesen, die – angeblich meist freiwillig − kastriert wurden und denen der Penis abgetrennt wurde. Es heißt, dass zwei Drittel aller indischen Freier zu den Hijras gehen, die außerdem von Tanz und Bettelei leben.

Unser Flug nach Udaipur ging recht spät los, denn die Binnenfluggesellschaft funktioniert nach dem Omnibusprinzip. Immer von Delhi ausgehend, fliegt sie in alle Richtungen des Subkontinents mit vielen Zwischenlandungen in kurzen Abständen, bei denen aus- und zugestiegen wird. Am Ende geht es auf derselben Route zurück. Das ist billig, effektiv und praktisch, aber es dauert. Diesmal war ich mit echten Reservierungen von Mackinnon, Mackenzie & Compagnie für das Lake Palace ausgestattet. Den Palast sollte Ulrike unbedingt erleben. Nach dem Start in Jodpur, der zweiten Zwischenlandung, machte der Pilot eine Durchsage in unverständlichem Englisch (die indische Variante dieses Idioms hat ihre Tücken, so bedeutet etwa „Romm Sorbess“ Room-Service), kehrte um und landete wieder in Jodpur. Irgendwas war kaputt, so viel war klar. Wir würden die Nacht hier statt im Lake Palace verbringen müssen. Nun ist es eigentlich keine Strafe, in Jodpur zu weilen, es sei denn, Indian Air kümmert sich um die Gestrandeten. Wir wurden in einen abgewetzten qualmenden Bus verfrachtet und nach endloser Fahrt an irgendeiner erbärmlichen Absteige in der Pampa ausgesetzt. Das Zimmer war ein fensterloses Loch, Küche und Bar waren geschlossen und weit und breit gab es weder Restaurant noch Kneipe. Die Inder fügten sich stoisch und packten ihre Lunchpakete aus, Ulrike und ich randalierten (wobei ich mich eher hinter ihr hielt), woraufhin der unglückliche Nachtportier auf einen Getränkeautomaten wies und anbot, uns noch ein Omelett zu bereiten. Maulend zogen wir uns mit zwei Limonadenbüchsen in unser Loch zurück. Bald servierte der Portier unser Mahl und wir wunderten uns: das Omelett roch nach Fisch, schmeckte nach Fisch und hatte sogar Gräten. Ich dachte seufzend daran, dass ich den enormen Übernachtungspreis des Lake Palace im Voraus und in bar bezahlt hatte.

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