Die Geisterstadt Wittenoom: Lebensgefährlicher Tourismus

Die Geisterstadt Wittenoom: Lebensgefährlicher Tourismus


Der Asbestabbau in Wittenoom ist eine der größten Tragödien Australiens und wird oft mit dem Nuklearunfall in Tschernobyl oder der Chemiekatastrophe von Bhopal verglichen. Seit den 1970er Jahren ist der Ort geschlossen und zur Geisterstadt mutiert. Doch das zieht inzwischen Scharen neugieriger Urlauber an, die vergessen, dass ein Besuch lebensgefährlich ist.

Warnschilder zieren jede Zugangsstraße nach Wittenoom. Wie große weiße Barrieren ragen sie aus der roten Erde im Outback hervor – zwischen kargen Büschen und Spinifexgras. „Achtung“, heißt es dort: „Hier gibt es Asbestfasern und -staub und diese könnten in und um Wittenoom in der Luft sein.“

Die Geisterstadt Wittenoom: Lebensgefährlicher Tourismus

Foto: Five Years, State government warning sign (cc-by-sa 3.0)

Vom regionalen Zentrum zur Geisterstadt in Australien

Das Schild lässt erahnen, was der Ort, der rund 1.100 Kilometer nordöstlich von Perth gelegen ist, durchgemacht hat. Die Stadt war ursprünglich rein zur Unterstützung der örtlichen Asbestminen gebaut worden. Von 1950 bis in die frühen 1960er Jahre war Wittenoom Australiens einziger Asbest-Lieferant. Rund 20.000 Menschen lebten und arbeiteten während dieser Zeit in der Stadt, nichtsahnend dass ihr Heimatort sie langsam, aber sicher umbrachte. Denn die Asbestfasern, die die Menschen einatmeten, lösten Krebserkrankungen aus. Mindestens zehn Prozent der Bewohner – Männer, Frauen und Kinder – starben.

Noch in den 1950ern war Wittenoom die größte Stadt in der Pilbara im Nordwesten Australiens gewesen. Doch nachdem die Tragödie ans Tageslicht kam, wurde die Stadt in den 1970ern geschlossen, der Name von Verkehrsschildern entfernt. Trotzdem haben bis heute nicht alle Bewohner den Ort verlassen. Einige wenige Seelen leben noch immer in Wittenoom, das inzwischen zur Geisterstadt mutiert ist.

Die Geisterstadt Wittenoom: Lebensgefährlicher Tourismus

Foto: Five Years, Road sign where Wittenoom has been removed (cc-by-sa 3.0)

„Es sah so aus, als wären die Leute aufgestanden und weggegangen.“

Die Häuser, die noch stehen, sind vereinsamt: Am Café blättert die Farbe von der Wand, eine alte Zapfsäule ragt wie ein Mahndenkmal aus der staubtrockenen Erde. Doch genau dieses Morbide, Einsame fasziniert heutige Besucher, die inzwischen wieder zahlreich in den Ort strömen. „Es ist wahrscheinlich einer meiner Lieblingsorte“, schwärmte beispielsweise die Fotografin Jenny Rush gegenüber dem lokalen Sender ABC.

Sie hatte Wittenoom während einer Wohnwagenreise durch Nordaustralien besucht und beschrieb den Ort als „wunderschön“ und „spektakulär“. „Da steht ein Feuerwehrauto, das Schild eines alten Ladens und ein alter Bus, der immer noch Salz und Pfeffer und Saucenflaschen auf dem Tisch hat”, sagte sie. „Es sah so aus, als wären die Leute aufgestanden und weggegangen.“ Nichts habe sie auf die Unheimlichkeit, aber auch die Schönheit vorbereitet. Rush betonte dabei, dass sie vorsichtig gewesen sei, und einen Asbestexperten dabei gehabt habe.

Die Geisterstadt Wittenoom: Lebensgefährlicher Tourismus

Foto: Five Years, Doc Holiday’s Cafe, Wittenoom WA  (cc-by-sa 3.0)

Falsche Art von „Abenteuer-Tourismus“

Doch nicht alle Urlauber sind vorsichtig. Rob Paul von der nahegelegenen Gemeinde Ashburton berichtete, dass es inzwischen sogar organisierte Touren gebe, die den Ort besuchen würden. Urlauber könnten für den Nervenkitzel und die Neugier jedoch mit ihrem Leben bezahlen, betonte Paul und warnte ausdrücklich vor dieser Art des „Abenteuer-Tourismus“. Reisende würden „sich, ihre Familie und Freunde in erhebliche Gefahren bringen“, wenn sie nach Wittenoom kämen.

Der „verbotene“ Tourismus beunruhigt aber nicht nur die Behörden. Auch Angehörige ehemaliger Bewohner, die die karzinogenen Asbestfasern eingeatmet und später daran gestorben sind, haben wenig Verständnis für den Übermut der Urlauber. Vielleicht müsse man ihnen erzählen, wie es sich angefühlt habe, seinen 36-jährigen, gesunden Vater zu verlieren, nur weil er ein Kind von Wittenoom gewesen sei, schrieb Relle Noble auf die Gedenkseite des Ortes bei Facebook.

Die Angehörige beschrieb weiter, wie ihr Vater innerhalb von nur sechs Monaten nach der Diagnose gestorben sei. Ihre Familie habe wie so viele andere damals nicht über die tödlichen Gefahren Bescheid gewusst. Im Falle der heutigen Besucher sei dies jedoch anders: „Sie wissen es jetzt und sie entscheiden sich immer noch dafür!“, kritisierte die Australierin.

Also, Finger weg von diesem Urlaubsziel!

 

von Barbara Barkhausen

Header Foto: Five Years, Wittenoom Gem Shop (cc-by-sa 3.0)


 

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