Klimawandel: Wenn die eigene Heimat untergeht


Während der Klimawandel für viele Menschen in der westlichen Welt häufig noch ein diffuses Phänomen zu sein scheint, das sich überwiegend durch unterschiedliche Wetterextreme wie Orkane, Dürren und Starkregen bemerkbar macht, werden viele Inseln im Südpazifik und deren Bevölkerung bereits seit einiger Zeit mit den verheerenden Auswirkungen der globalen Erwärmung konfrontiert. Neue Messungen des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven haben ergeben, dass der Meerespegel sogar noch deutlich schneller steigen soll als bisher angenommen. Für viele Staaten im Südpazifik geht diese Entwicklung mit einer Vielzahl von Problemen einher – bedingt durch die Tatsache, dass die meisten Inseln nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen.

 

Küstenerosion lässt Landmasse schrumpfen

Kiribati, eine wenig bekannte Inselnation rund 2000 Kilometer südlich von Hawaii, ist ganz besonders von den Folgen des Klimawandels betroffen. Infolge des ansteigenden Meeresspiegels wird das Land spätestens 2050 unbewohnbar und 2070 vollständig überschwemmt sein – so die einhellige Prognose mehrerer Forscher. Bereits jetzt ist das Leben auf Kiribati mit erheblichen Problemen verbunden: Ein beträchtlicher Teil der Küsten ist erodiert – und die noch verbleibende Landmasse schrumpft immer weiter, sodass das Atoll für die rund 115.000 Insulaner jetzt schon zu eng ist. Das Meerwasser dringt zudem von unten in die Böden ein und versalzt das Trinkwasser. Da eine landwirtschaftliche Nutzung der Landfläche infolgedessen kaum möglich ist, können viele Lebensmittel nicht mehr selbst produziert werden. Um ihrer Bevölkerung eine Zukunft bieten zu können, bereitet die kiribatische Regierung daher jetzt schon eine Massenauswanderung vor und hat ein entsprechendes Abkommen mit den Fidschi-Inseln geschlossen. Mehr als 2.000 Hektar Land hat Kiribati von der fidschianischen Regierung erworben, um seiner Bevölkerung dort langfristig ein neues Zuhause zu schaffen.

Foto: Department of Foreign Affairs and Trade, Jodie Gatfield, AusAID (Kiribati 2009, cc by 2.0)

Ein Teil der kiribatischen Bevölkerung ist bereits auf eigene Kosten emigriert und hat sich in neu errichteten Siedlungen auf den Fidschi-Inseln niedergelassen. Viele der emigrierten Insulaner, vor allem die der älteren Generationen, sind jedoch mit ihrer Situation unzufrieden, da sie das Fortbestehen ihrer Kultur bedroht sehen. Liedgut, Traditionen, Sprachen – das kulturelle Erbe und die Identität Kiribatis könnten durch die Einflüsse ihrer neuen Heimat mittelfristig ausgelöscht werden, so die Angst der Inselbewohner. Gleichzeitig fürchten auch Teile der fidschianischen Bevölkerung um ihre Existenz, beispielsweise die Bewohner des Dorfes Naviavia auf der Insel Vanua Levu. Die dort ansässigen rund 260 Menschen sind Nachfahren salomonischer Sklaven, die seinerzeit von den Engländern verschleppt wurden. Sie fürchten nun, infolge der Ansiedlung der kiribatischen Klimaflüchtlinge ihre Heimat abermals zu verlieren und reagierten daher zunächst skeptisch auf die Neuankömmlinge. Durch gezielte Maßnahmen ist es der fidschianischen Regierung aber gelungen, die Dorfbewohner mit den Gewohnheiten und der Sprache der kiribatischen Siedler vertraut zu machen und so eine Willkommenskultur zu schaffen.

 

Wegen Überschwemmungen: Kinder müssen zur Schule schwimmen

Auch auf Tuvalu, einer winzigen Inselnation rund 1000 Kilometer nördlich der Fidschi-Inseln, sind die prognostizierten Folgen des Klimawandels längst bittere Realität. Auf der Hauptinsel Funafuti sind bereits weite Teile der Küste vom Ozean verschluckt worden. Aufgrund überspülter Straßen müssen die Kinder der Insulaner bisweilen sogar schon zur Schule schwimmen. Wie auf Kiribati können auch die Bewohner Tuvalus wegen der versalzten Böden kaum mehr Landwirtschaft betreiben. Ein Großteil der Kokosnusspalmen ist bereits abgestorben, die unbewohnte Insel Tepuka Savilivili, die ebenfalls zum Atoll gehört, wurde bereits vollständig überschwemmt. Die unzumutbaren Zustände haben die Regierung ebenfalls dazu veranlasst, mit anderen Nationen über eine Massenemigration zu verhandeln. Ein Großteil der Bevölkerung Tuvalus hat jedoch trotz der aussichtslosen Lage ihren Optimismus nicht verloren, was insbesondere durch ihren christlichen Glauben zu erklären ist: Viele Bewohner sind fest davon überzeugt, dass sie rechtzeitig vor der Überflutung ihrer Heimat von Gott gerettet werden – ähnlich wie in der biblischen Erzählung über die Arche Noah.

Foto: 總統府 (11.01 總統訪團一行抵達吐瓦魯國, cc by 2.0)

Eine beträchtliche Zahl der Bevölkerung Tuvalus und Kiribatis strebt allerdings einen Neuanfang in Neuseeland oder Australien an. Die Weltbank hat Industrienationen im südostasiatischen und ozeanischen Raum explizit dazu aufgerufen, ihre Unterstützung anzubieten und Klimaflüchtlinge aus dem pazifischen Raum aufzunehmen. Dabei geraten diese häufig in ein Dilemma: Obgleich der Begriff „Klimaflüchtlinge“ für derlei Beispiele längst gängig ist und laut Schätzungen weltweit auf mehr als 100 Millionen Menschen zutrifft, können sich die Betroffenen nicht auf die Genfer Flüchtlingskonvention berufen, denn diese bezieht sich lediglich auf Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte. Die Insulaner erhalten daher grundsätzlich keinen Flüchtlingsstatus bzw. Anrecht auf Asyl und sind folglich auf das Wohlwollen der jeweiligen Behörden angewiesen. Während sich Neuseeland mit Blick auf die Aufnahme der Insulaner zumindest gesprächsbereit zeigt, schottet sich Australien in dieser Debatte rigoros ab. Als Argument wird von australischen Politikern vor allem die wachsende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt angeführt.

Da mehrere Inselstaaten im Südpazifik buchstäblich dem Untergang geweiht sind, obwohl die großen Industrienationen durch die Verbrennung fossiler Energieträger einen wesentlich höheren Beitrag zum Klimawandel leisten, fordern einige Pazifikstaaten nun Entschädigungszahlungen. Noch hat sich jedoch keiner der westlichen Staaten dazu bereit erklärt. Daher bleibt zu hoffen, dass die vielen Menschen, die ihre Heimat verlieren, von den größeren Nachbarn wie Australien, Neuseeland, Südkorea oder Japan zumindest aufgenommen werden.

Header Foto: Thomas Huxley (Misc Island 2, cc by-nd 2.0)


 

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